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Lifestyle

Nu is Teetied

Heute stellen wir euch die ostfriesische Teekultur vor.

Veröffentlicht: 20.06.2019 von Felice

Deutschland ist eigentlich kein ausgesprochenes Teeland. Doch betrachtet man Ostfriesland, offenbart sich eine Riesenüberraschung: Mit 300 Litern pro Ostfriese und Jahr überholt der norddeutsche Landstrich hinterm Deich sogar klassische Teetrinker-Nationen wie China oder Großbritannien. Der Tee ist tief in Kultur und Alltag verwurzelt. Das erkennt man auch daran, dass eine der Disziplinen der Ostfriesen-Olympiade der Teebeutelweitwurf ist.  

Geschichte: Wie der Tee nach Ostfriesland kam

Wie der Tee nach Deutschland kam, darüber gibt es verschiedene Legenden: Angeblich soll im Jahr 1694 ein Segler unter Hamburgischer Flagge seine Ladung auf einer Sandbank zwischen Langeoog und Baltrum verloren haben, darunter auch eine Kiste mit Teeblättern. Die Insulaner hielten das „Grünzeug” zuerst für getrocknetes Gemüse und kochten Eintöpfe damit, doch dies kann historisch nicht belegt werden.

Sicher aber ist, dass sich das benachbarte Holland zu dieser Zeit schon langsam zu einer Tee-Exportnation entwickelte. Friesland wardamals niederländische Provinz, und viele Ostfriesen arbeiteten als Seeleute für die „Niederländische Ostindien Kompagnie”. Durch ihre regelmäßigen Reisen nach China war ihnen Tee nicht mehr unbekannt.

 

Andere Quellen machen die schlechte Wasserqualität der ostfriesischen Brunnen für den rasant ansteigenden Teekonsum an der Nordseeküste verantwortlich. Das durch Moor und Torf verschmutzte Trinkwasser aus den Brunnen musste sowieso vor Verzehr abgekocht werden. Von daher war es nur ein kleiner Schritt, das Wasser durch die Zugabe einiger Teeblätter zu aromatisieren. Wahrscheinlich ist dies auch der Ursprung des Spruchs, dass die Ostfriesen zum Frühstück gerne „drei Tassen Tee und ein Stück Torf” zu sich nehmen.

 

„Wenn wi keen Tee hebben, mutten wi starben.“ (Ostfriesisches Sprichwort)

Emden wurde in den folgenden Jahrzehnten sogar zum Zentrum des preußischen Teehandels, den Friedrich der Große mit seiner „Königlichen Preußischen Aisiatischen Handelskompanie” 1751 stark forcierte – um den Tee nur 25 Jahre später als „chinesisches Drachengift” landesweit verbieten zu lassen. Das Verbot ist wohl mit der hervorragenden Lobbyarbeit der deutschen Bierbrauer zu erklären. Die fürchteten um ihre Einnahmen, denn der damals weit verbreitete Konsum von Bier zu den Mahlzeiten wurde durch den Teekonsum stark reduziert. Die Ostfriesen kämpften leidenschaftlich um ihr neues Lieblingsgetränk und konnten sich im sogenannten „Teekrieg” letztlich gegen das Verbot des Königs durchsetzen. Sie wollten einfach seinem Vorschlag nicht folgen, statt des „Krautes” aus China einen Aufguss aus Zitronenmelisse oder Petersilienkraut zu trinken.

Nur noch einmal erlebten die Norddeutschen eine solche existenzielle „Teekrise”: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auch der Tee rationiert und trieb die Küstenbewohner scharenweise ins Binnenland. Sie veranstalteten Hamsterfahrten ins Ruhrgebiet, um ihren Speck und ihre Butter gegen Tee einzutauschen. Denn den Bergleuten war eine höhere Teeration zugesprochen worden als anderen Bürgern.
Mittlerweile hat es die ostfriesische Teekultur sogar auf die Liste des „Immateriellen Kulturerbes“ der Deutschen Unesco-Kommission geschafft.

 

Die ostfriesische Teezeremonie: Teetied

Mit 300 Litern Tee pro Jahr und Kopf haben die Ostfriesen den weltweit höchsten Teeverbrauch. Das ist elfmal so viel, wie in anderen deutschen Regionen getrunken wird. Der Tee, der bei den Ostfriesen in die Tasse kommt, ist meist eine kräftige Mischung aus Assam-Tees, die in der Tasse eine dunkelbraune Färbung zeigen. Die Tea Time ist anders als bei den Briten schon um 15 Uhr. Dies ist aber nicht die einzige Gelegenheit, Tee auf die ostfriesische Art zu genießen. Schon zum Frühstück und um 11 Uhr vormittags („Elführtje”) wird hinterm Deich Tee getrunken, gerne auch noch einmal abends zur Entspannung.

„Ostfriesische Gemütlichkeit hält stets ein Kopje Tee bereit.“

Doch wie kommt der Tee nun in die Tasse, mitsamt der Sahne und dem Kluntje?

Man nehme:

  • Tee (Ostfriesenmischung)

  • Kochendes Wasser (am besten Regenwasser)

  • Porzellantassen mit ostfriesischer Rose (Kopke)

  • Teekanne (Trekkpot)

  • Sahnekännchen

  • Kluntjepott (Zuckerschale für Kandiszucker)

  • Kluntjezange (Zuckerzange)

  • Stövchen

  • Rohmlepel (Sahnelöffel)

  • Teelöffel

  1. Zuerst wird kochendes Wasser in die Teekanne („Trekkpot”) gegeben und die Kanne damit ausgespült, um sie anzuwärmen.

  2. Dann gibt man den abgemessenen Ostfriesentee in die warme Kanne. Die übliche Menge ist ein Teelöffel Tee pro Tasse und ein weiterer „für die Kanne“.

  3. Die Kanne zur Hälfte mit kochendem Wasser füllen (wenn möglich mit Regenwasser). Den Tee mit geschlossenem Deckel drei Minuten ziehen lassen für eine belebende Wirkung. Wenn der Tee beruhigend wirken soll, fünf Minuten.

  4. Abschließend wird die Teekanne ganz gefüllt und auf einem Stövchen platziert, damit der Tee heiß bleibt.

  5. Der fertige Tee wird nun durch ein Sieb in die einzelnen Tassen oder in eine spezielle Servierkanne gefüllt. Am besten passen zur ostfriesischen Teezeremonie feine, dünne Porzellantassen mit der ostfriesischen Rose als Muster.

  6. Vor dem Eingießen greift man mit der Kluntjezange einen Kluntje, ein großes Stück braunen oder weißen Kandiszucker, und tut es in die Tasse.

  7. Der Tee wird nun auf den Kluntje in die Tasse gefüllt, bis nur noch eine kleine Ecke des Kluntjes aus dem Tee ragt. Dabei fängt der Kluntje an, charakteristisch zu knistern.

  8. Mit dem Rohmlepel genannten Sahnelöffel gibt man nun einen Tropfen Sahne („’n Wulkje Rohm“) hinzu. Die Sahne wird vorsichtig am Rand der Tasse hineingegossen, damit die typische „Sahnewolke“ („’n Wulkje“) entstehen kann.

  9. Auf gar keinen Fall umrühren! Das Besondere an der ostfriesischen Teezeremonie ist nämlich der Dreiklang aus herbem Tee vom Tassenrand, dem milchigen Tee aus der Tassenmitte und der Süße des Kandis auf dem Tassenboden. Das symbolisiert die unterschiedlichen Facetten des Lebens: sanft, bitter und im Abgang zuckersüß.

  10. Der Teelöffel dient nicht zum Umrühren, sondern dazu, die Zeremonie zu beschließen, indem man ihn diskret in die leere Tasse legt. Das ist ein Zeichen für den Gastgeber, dass der Gast keinen Nachschlag mehr möchte.

  11. Nach dem Teegenuss wird der Trekkpott lediglich mit heißem Wasser gespült, damit die mit der Zeit entstehende „Patina“ erhalten bleibt.

BITTE BEACHTE: Für jeden Teilnehmer an einer Teerunde sind drei Tassen das Mindestmaß. Wird eine weitere Tasse schon vorher abgelehnt, gilt das als unhöflich oder gar beleidigend. Denn die Ostfriesen sagen: „Drei Tassen sind Ostfriesenrecht“ („Dree is Oostfresen Recht“).

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